In Deutschland leben etwa 2,7 Millionen pflegebedürftige Menschen, wovon zwei Drittel davon zuhause, in der Regel von ihren Angehörigen gepflegt werden. Es ist davon auszugehen, dass diese Zahlen in den kommenden Jahren rasant steigen werden. Die Politik hat auf diese Entwicklung reagiert und eine umfassende Pflegereform in Gang gesetzt. Das Thema „Pflege“ ist damit aktueller denn je. Um die aktuelle Pflegereform und um die bessere Vereinbarkeit der Pflege mit Familie und Beruf ging es daher bei der Podiumsdiskussion am vergangenen Samstag in Neustadt bei Coburg. Dazu eingeladen hatten die Vorsitzende der Frauen Union Oberfranken, Dr. Silke Launert, MdB, und der Vorsitzende der Senioren-Union Oberfranken, Jürgen W. Heike, MdL. Ein prominent besetztes Podium mit Fachwissen aus der Medizin, der Pflege und der Bundes- und Landespolitik sowie das zahlreich erschienene interessierte Publikum sorgten für viel Diskussionsstoff.

Die Bayerische Staatsministerin für Pflege und Gesundheit, Melanie Huml, stellte eingangs fest, dass es in Bayern grundsätzlich eine qualitativ hochwertige pflegerische Versorgung gebe. Sie wies darauf hin, dass leider viele Betroffene oft nicht wüssten, welche Hilfen sie in Anspruch nehmen könnten und sie daher auch nicht ausschöpften. Sie erklärte darauf anhand praktischer Beispiele einige der neuen Leistungen und ging insbesondere ein auf die durch das Pflegestärkungsgesetz I gewährten Zuschüsse für Umbaumaßnahmen und Pflegehilfsmittel. Zuschüsse für Umbaumaßnahmen, wie Rollstuhlrampen oder begehbare Duschen würden nun bis zu 4000€ bezuschusst. Und auch die Zuschüsse für Pflegehilfsmittel, würden auf bis zu 40€ monatlich angehoben. Gemeint seien damit zum Beispiel Putzhilfen.

Jürgen W. Heike erklärte, dass in Anbetracht der steigenden Zahlen der Pflegebedürftigen das Augenmerk zunehmend auf der ambulanten Pflege liegen müsse. Pflegekräfte seien rar, ebenso wie die Plätze in den Pflegeheimen, soweit diese überhaupt bezahlbar seien. Außerdem sei es wünschenswert für die Pflegebedürftigen selbst, dass sie zuhause in ihrem gewohnten Umfeld von den ihnen vertrauten Menschen betreut und gepflegt werden. Alte Bäume verpflanze man nun einmal nicht. Die ambulante Pflege müsse daher auch künftig der stationären immer vorgezogen werden.

Auch Dr. Silke Launert betonte, wie wichtig die ambulante Pflege sei. Es sei notwendig, den Angehörigen und Pflegenden, die mehrheitlich Frauen seien, alle Formen der Unterstützung anzubieten. In erster Linie sei hier natürlich die Politik gefragt. In diesem Zusammenhang lobte sie sehr den Ausbau der Tagespflege sowie die Verbesserungen bei der Kurzzeit- und Verhinderungspflege durch das Pflegestärkungsgesetz I. Ebenso hätte das im letzten Jahr verabschiedete Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf deutliche Verbesserungen mit sich gebracht. Doch nicht nur die Politik, ebenso die Wirtschaft müsse sich flexibel zeigen und selbstverständlich auch jeder einzelne, denn die Pflege sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Positiv bewertete sie vor allem auch, dass mit dem Pflegestärkungsgesetz II die Angehörigen und nahestehenden Personen erstmals einen eigenständigen Anspruch auf Pflegeberatung erhalten haben. Und auch die bessere Absicherung für die Pflegepersonen in der Renten- und Arbeitslosenversicherung sei ein wichtiger und richtiger Schritt gewesen.

Dr. Gerhard Beyer sieht die Pflege ebenfalls als ein Thema das jeden angeht und bei dem sich früher oder später auch jeder in der Pflicht sehe. Nicht selten, gingen mit der Pflege hohe Belastungen einher, auch emotional. Er selbst sei häufig betroffen gewesen, erklärte er, als er von seinen langjährigen Erfahrungen und den zahlreichen Fällen aus seiner Arbeit als Notarzt und Seniorenbeauftragter der Stadt Neustadt bei Coburg berichtete.

Winfried Fischer, Leiter der Pflegebegutachtung des MDK Bayern, erklärte die wesentlichen Neuerungen durch das Pflegestärkungsgesetz II. Er erläuterte den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, der nicht mehr unterscheidet zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen und Pflegebedürftigen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen, zum Beispiel Demenzkranken. Die Pflegebedürftigkeit würde künftig daran gemessen, wie weit jemand nicht mehr selbständig ist. Die Ursächlichkeit für die Unselbständigkeit spiele keine Rolle mehr. Ebenso erläuterte er das neue Begutachtungswesen, anhand dessen die Patienten künftig in fünf Pflegestufen eingestuft würden, statt wie bisher in drei. Gleichzeitig stellte er auf Anfrage aus dem Publikum klar, dass bereits eingestufte Patienten auf Grund dieser Neuerungen keine Schlechterstellung zu befürchten hätten.

Florian Hudetz, Vorstandsmitglied des Verbands Deutscher Alten- und Behindertenhilfe Bayern, berichtete vor allem aus seinen Erfahrungen als Heimleiter. Als Leiter eines Unternehmens, das sowohl Heimbetreuung anbietet, wie auch ambulante Pflege, Essen auf Rädern und obendrein noch ein Sanitätshaus führt, betonte er die Wichtigkeit, dass durch die Pflegereform sämtliche Bereiche der Pflege abgedeckt werden. Er begrüßte die zahlreichen Verbesserungen durch die Reformen, sieht aber hier und da immer noch Korrekturbedarf. So lobte er, dass die Dokumentationspflichten, die in der Pflege bislang enorme Bürokratiehürden darstellten, nun verbessert seien. Kritisierte hingegen, dass sich die neuen landesrechtlichen Regelungen bezüglich des „Nachtschlüssels“ zu Lasten des Personalschlüssels in der Tagesschicht auswirken würden. Aber auch grundsätzlich sehe er ein großes Problem im Fachkräftemangel und bezweifelt, dass mit der angestrebten Pflegeberufereform eine Lösung gefunden werden könne.

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